ZERO-Gastautor Martin Pollpeter: „Steigende Anforderungen an Energieversorgung, Klimaanpassung und Mobilität führen dazu, dass Logistikstandorte und Industrieanlagen zunehmend als Bestandteil eines größeren Systems betrachtet werden müssen.“

Bild: Bockermann Fritze plan4buildING GmbH

Logistik braucht Infrastruktur

30.06.2026

ZERO-Gastautor Martin Pollpeter, Geschäftsführer und Gesellschafter der Bockermann Fritze plan4buildING GmbH, stellt sich die Frage, warum die Betrachtung einzelner Standorte nicht mehr ausreicht.

Großflächige Immobilien mit großem Einfluss auf Infrastruktur stehen vor einem grundlegenden Wandel. Lange Zeit wurden Lager- und Umschlagstandorte, Produktionsstätten und Gewerbeimmobilien als solitäre Einheiten geplant und betrieben – mit klar definierten Grundstücksgrenzen und einer Infrastruktur, die primär auf den Eigenbedarf ausgerichtet war. Dieses Verständnis greift heute zu kurz.

Steigende Anforderungen an Energieversorgung, Klimaanpassung und Mobilität führen dazu, dass Logistikstandorte und Industrieanlagen zunehmend als Bestandteil eines größeren Systems betrachtet werden müssen. Infrastruktur entsteht nicht mehr nur als Angebot vor Ort, sondern im Zusammenspiel von benachbarten Flächen, Quartieren und öffentlichen Netzen.

Stromenergie neu denken: vom Verbraucher zum Akteur

Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist der Umgang mit Strom. Logistikimmobilien entwickeln sich vom reinen Energieverbrauchern zu aktiven Elementen in einem vernetzten System. Photovoltaikanlagen auf Dachflächen, Windkraft in der Umgebung, Geothermie oder externe Speicherlösungen ermöglichen eine dezentrale Energieerzeugung.

Dabei geht es nicht nur um Produktion, sondern um ein intelligentes Zusammenspiel: Strom wird erzeugt, gespeichert, eingespeist und zeitversetzt genutzt. Diese bidirektionalen Energiestrukturen erfordern eine Betrachtung über einzelne Grundstücke hinaus. Entscheidend ist die Frage, wo Energie anfällt, wo sie gebraucht wird – und wie sich diese Bedarfe miteinander in Einklang bringen lassen.

Ein Beispiel dafür ist die Integration von Ladeinfrastruktur. Mit der zunehmenden Elektrifizierung des Güterverkehrs wachsen die Anforderungen an leistungsfähige Ladeparks. Insbesondere für den Schwerlastverkehr werden künftig Megawatt-Ladepunkte notwendig sein. Solche Infrastrukturen lassen sich jedoch wirtschaftlich und technisch nur sinnvoll umsetzen, wenn sie gemeinschaftlich gedacht und genutzt werden – etwa als zentrale Knotenpunkte in logistischen Clustern.

Mehr als Strom: Wärme, Wasser und digitale Infrastruktur

Neben der Stromversorgung gewinnen weitere Infrastrukturthemen an Bedeutung. Wärmenetze – etwa in Form von Nah- oder Fernwärmelösungen – können überschüssige Energie aus Produktionsprozessen aufnehmen und anderen Nutzungen zur Verfügung stellen. Auch hier entsteht ein Netzwerk, in dem Erzeuger und Verbraucher miteinander verbunden sind.

Das gleiche Prinzip gilt für das Wassermanagement. Angesichts zunehmender Starkregenereignisse und längerer Trockenperioden wird Regenwasser nicht mehr ausschließlich abgeführt, sondern als Ressource betrachtet. Intelligente Rückhaltesysteme, Versickerungsflächen oder begrünte Dächer tragen dazu bei, Wasser lokal zu speichern und wieder nutzbar zu machen beziehungsweise naturnah zurückzuführen.

Ergänzt wird diese physische Infrastruktur zunehmend durch digitale Systeme. Gerade datenintensive Nutzungen wie Rechenzentren verdeutlichen, wie stark Energiebedarf, technischer Betrieb und Standortstruktur miteinander verknüpft sind. Sie erzeugen hohe Lasten im Stromnetz und zugleich nutzbare Abwärme – ein weiteres Beispiel für die Notwendigkeit übergeordneter Betrachtungen.

Drei zentrale Herausforderungen am Markt

Trotz der Vielzahl an technischen Möglichkeiten stehen Projektentwickler und Kommunen vor grundlegenden Herausforderungen.

1. Abstimmung und Kommunikation
Die Planung vernetzter Infrastrukturen erfordert eine enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Stakeholder. Öffentliche Hand, Investoren, Betreiber und Versorger müssen frühzeitig in den Dialog treten. Nur so lassen sich Bedarfe, Potenziale und Synergien identifizieren und nutzbar machen. Die größte Herausforderung liegt dabei häufig nicht in der Technik, sondern in der Kommunikation und Koordination

2. Rechtliche Rahmenbedingungen
Neue Energie- und Infrastrukturkonzepte bewegen sich oft außerhalb etablierter Strukturen. Fragen nach Eigentum, Betrieb und Verantwortlichkeiten sind insbesondere dann komplex, wenn Ressourcen wie Strom oder Wasser zwischen privaten und öffentlichen Systemen ausgetauscht werden. Auch innovative Ansätze wie bidirektionales Laden oder dezentrale Speicher werfen rechtliche Klärungsbedarfe auf, die bislang nicht vollständig standardisiert sind.

3. Wirtschaftliche Tragfähigkeit
Investitionen in Infrastruktur sind langfristig angelegt. Modelle zur Refinanzierung müssen über Jahrzehnte verlässlich funktionieren. Schwankende Energiepreise, regulatorische Eingriffe und technologische Entwicklungen erschweren die Kalkulation. Ohne tragfähige wirtschaftliche Konzepte bleiben viele Ansätze hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Lösungsansätze: frühzeitig vernetzt planen

Die Antwort auf diese Herausforderungen liegt in einer konsequent integrierten Planung. Infrastruktur muss bereits in der frühen Phase der Quartiersentwicklung mitgedacht werden – ähnlich wie es heute selbstverständlich bei der Dimensionierung von Abwasseranlagen geschieht.
Zentrale Elemente sind:

• Ganzheitliche Bedarfsanalysen, die nicht nur den Einzelstandort, sondern das gesamte Umfeld berücksichtigen
• Kooperative Planungsprozesse, in denen öffentliche und private Akteure gemeinsam agieren
• Flexible rechtliche Modelle, die neue Formen des Austauschs ermöglichen
• Langfristige Wirtschaftlichkeitskonzepte, die Investitions- und Betriebsphasen gleichermaßen berücksichtigen

Darüber hinaus können konkrete Pilotprojekte helfen, Erfahrungen zu sammeln und Standards zu entwickeln – etwa bei gemeinschaftlich genutzten Ladeparks oder quartierweiten Energiesystemen.

Fazit

Logistik braucht Infrastruktur – aber nicht im klassischen Sinne isolierter Versorgungsstrukturen. Gefragt sind vernetzte Systeme, die Energie, Wasser und Mobilität in einem größeren Kontext intelligent denken und lenken. Wer frühzeitig über Grundstücksgrenzen hinaus plant, kann nicht nur nachhaltigere, sondern auch wirtschaftlich stabilere Lösungen schaffen. Die Transformation der Logistik beginnt daher nicht erst im Betrieb, sondern in der Art und Weise, wie Standorte heute konzipiert werden.

Über den Gastautor

Dipl.-Ing. Martin Pollpeter ist Generalplaner, DGNB-Auditor und zertifizierter Projektmanager. Er verknüpft Quartiers- und Infrastrukturentwicklungen mit Logistikimmobilien und den erforderlichen Energie-, Wasser- und Mobilitätssystemen. Dabei steht die ganzheitliche Betrachtung von Standorten im Kontext urbaner und regionaler Strukturen im Mittelpunkt. Sein Fokus liegt auf nachhaltigen, langfristig tragfähigen Lösungen im Spannungsfeld von Technik, Planung und Wirtschaft.

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