Die Dekarbonisierung der Logistik gilt als eine der schwierigsten Transformationsaufgaben unserer Zeit. Doch wo steht die Branche wirklich? Eine neue globale Umfrage setzt genau dort an – und könnte das Fundament für das kommende Jahrzehnt legen.
Güterverkehr bewegt die Welt – und ist dabei erstaunlich schlecht beleuchtet. Während für den Personenverkehr viele Daten vorliegen und Passagierluftfahrt unter medialer Dauerbeobachtung steht, tappt die Logistikbranche als Ganzes beim Dekarbonisierungsfortschritt doch oft im Dunkeln. Die Frage, wo der globale Güterverkehr auf seinem Weg in eine klimaverträgliche Zukunft steht, blieb bislang systematisch unbeantwortet. Genau diese Lücke will die Global Sustainable Logistics Survey (GSLS) schließen.
Als offizielle Beitragsinitiative zur UN Decade of Sustainable Transport (2026 – 2035) erfasst diese jährliche Umfrage erstmals systematisch und global, wie weit der Transport- und Logistiksektor bei der Dekarbonisierung ist – nicht auf Unternehmens- oder Regierungsebene, sondern aus der Perspektive individueller Fachleute. Die Umfrage richtet sich an Entscheidungsträger:innen auf beiden Seiten des Marktes: Anbieter, also Logistikdienstleister wie Spediteure und Reedereien ebenso wie Nachfrager, also Verlader aus Industrie und Handel. Eine solche Bestandsaufnahme, gab es so bisher noch nicht!
Kommunikations- und Wissenslücken
Die Studie geht einer zentralen Frage nach: Was hindert Nachhaltigkeitslösungen zur Dekarbonisierung der Logistik daran, schnell genug zu skalieren? Besonders aufschlussreich ist hierbei das Konzept des Supply-Demand-Gap: die Lücke zwischen dem, was Anbieter von Nachhaltigkeitslösungen bereitstellen, und dem, was Nachfrager tatsächlich verstehen und abrufen. Wenn ein Spediteur grünen Treibstoff anbietet, der Verlader aber nicht weiß, wie er das in seiner Emissionsbilanz verbuchen soll, ist das Angebot nutzlos – egal wie gut es ist. Solche Kommunikations- und Wissenslücken zu identifizieren und damit Skalierungshürden zu thematisieren, ist ein wichtiger Mehrwert für die gesamte Branche.
Folglich behandelt die Studie drei Themenblöcke. Erstens Nachhaltigkeitslösungen: Welche Technologien und Marktmechanismen existieren, welche werden eingesetzt – und was hindert deren Skalierung? Zweitens Kompetenzen und Kapazitäten: Die grüne Transformation verlangt neue Fähigkeiten, von technischem Know-how für alternative Antriebe bis zu Verhandlungsstärke für nachhaltige Lieferverträge. Für die strategische Planung von Unternehmen können solche Befunde Gold wert sein. Drittens Klimaanpassung und Resilienz: Dürren legen Wasserstraßen trocken, extreme Wetterereignisse unterbrechen Lieferketten. Wie gut ist der Sektor auf physische Klimarisiken vorbereitet? Ein Thema, das in der Dekarbonisierungsdebatte oft zu kurz kommt. Gemeinsam bilden die drei Themenblöcke ein wichtiges Gesamtbild.
Ein weiterer blinder Fleck ist geografischer Natur. Nachhaltigkeitsdiskussionen in der Logistik werden von europäischer Regulierung (EU-Taxonomie, CBAM, FuelEU Maritime) und den Zielen westlicher Konzerne dominiert. Um die Branche global zu dekabonisieren, muss man raus aus dieser Eurozentrik. Was in Hamburg gilt, ist in Lagos oder Jakarta eine andere Welt. Die GSLS setzt dem einen globalen Ansatz entgegen – und macht strukturelle Ungleichheiten sichtbar, die bisher im Schatten der OECD-Perspektive lagen. Besonders in Asien, Afrika und Lateinamerika, wo das Frachtvolumen in den nächsten Jahrzehnten am stärksten wachsen wird, fehlen belastbare Basisdaten am dringendsten.
Das jährliche Format liefert keine Momentaufnahmen, sondern Fortschrittsmessung – vergleichbar über Zeit und Regionen. Dies ermöglicht Unternehmen ein direktes Benchmarking: Wo stehen andere Marktteilnehmer? Wo klaffen Kompetenzlücken? Aus solchen Vergleichen entstehen wertvolle und neue Handlungsimpulse. Dekarbonisierung gelingt nicht durch guten Willen allein. Sie gelingt, wenn bessere Daten klarere Ziele ermöglichen, Wissenslücken sichtbar werden und Fortschritte messbar sind. Die Global Sustainable Logistics Survey ist ein Instrument genau dafür. Der blinde Fleck lässt sich schließen – aber nur, wenn genug Fachleute bereit sind, hinzuschauen.
Aufruf zur Teilnahme
Wer noch mitmachen will: Die Datenerhebung läuft bis Sommer 2026, der erste Bericht erscheint im dritten Quartal. Gesucht sind Stimmen von Logistikdienstleistern (Spediteure, Reedereien, Frachtführer), von Verladern aus Industrie und Handel sowie von Verbänden und Branchenplattformen, die die Umfrage in ihre Netzwerke tragen. Rund 50 Botschafter tun das bereits. Wer teilnimmt, investiert wenig Zeit und erhält Zugang zu Ergebnissen, die sonst nicht existieren.
Link zur Survey
Über den Gastautor
Johannes Meuer ist Associate Professor für Sustainability Strategy and Operations an der Kühne Logistics University (KLU). Seine Forschung befasst sich mit den Spannungsfeldern unternehmerischer Nachhaltigkeitsentscheidungen und der Frage, wie Unternehmen Nachhaltigkeit wirksam in Strategie und operative Abläufe integrieren können. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf der Dekarbonisierung der Logistik, CO2-Bilanzierung und Dekarbonisierungspfaden in Entwicklungsländern. Als Jurymitglied des Deutschen Logistikpreises und Nachhaltigkeitsexperte in diversen Thinktanks verbindet er Wissenschaft und Praxis. Er promovierte an der Erasmus University Rotterdam und habilitierte an der ETH Zürich.