Teure Investition, hoher Wartungsaufwand und der zusätzliche Obolus durch eine Photovoltaikanlage bleibt aus – der Dachbegrünung auf Logistikimmobilien stehen einige Vorurteile gegenüber. Dass sie allerdings auch so einige Vorteile mit sich bringt, zeigt sich an dem Beispiel eines Logistikzentrums mit einem ca. 71.000 m² großen, extensiven Gründach.
Das Dach wurde mit einer rund zehn Zentimeter starken Substratschicht aus Heu und Granulat versehen und dabei bewusst naturnah gestaltet. Totholz und Wurzelstöcke sorgen neben sandigen und steinigen Bereichen sowie Teichen für ausreichend Lebensraum für Insekten und Vögel. Die durch den Bau der Halle versiegelte Fläche wurde auf dem Dach wiederhergestellt und entspricht nach einer anfänglichen Pflegephase dem lokalen natürlichen Biorhythmus.
Darüber hinaus verbessert ein solches Gründach das Mikroklima der Immobilie: Die Begrünung wirkt zum einen wie ein natürlicher Hitzeschild und verringert die Aufheizung des Gebäudes deutlich, zum anderen bietet die Vegetationsschicht im Winter zusätzliche Wärmedämmung. Dadurch sinkt der Energiebedarf für Kühlung und Heizung. In den Hallen unter dem Gründach wurden bis zu 4 Grad Celsius geringere Temperaturen im Vergleich zu Hallen mit herkömmlichen Dächern gemessen.
Lebensdauer kompensiert Mehrkosten
Zwar verursacht die Errichtung eines Gründachs zunächst Mehrkosten während der Bauphase, langfristig zahlt sich die Investition jedoch aus. Die Dachhaut weist eine mindestens 30 Prozent längere Haltbarkeit im Vergleich zu konventionellen Dächern auf. Plastikfolie, die normalerweise zur Drainage verwendet wird, wird eingespart und im Falle eines Rückbaus ist das Dach vollständig recyclingfähig.
Im Falle des beispielhaften Gründachs wurde Granulat verwendet, welches aus Material aus der Vulkaneifel besteht. Dieses Granulat kann rund 60 Prozent des Niederschlags aufnehmen. Für die zusätzliche Entwässerung wurden zwischen den Substratinseln Kästen installiert, sodass die übrigen 40 Prozent in einer Rigole versickern können. Im Vergleich ist das Gründach mit zwei Pflege- bzw. Wartungsintervallen pro Jahr auch nicht unbedingt pflegeintensiver als ein konventionelles Dach.
Gründach als „CO2-Nettosenker“ für Logistikimmobilien
Als ganz spezielles Ökosystem wecken Gründächer zudem das Interesse der Forschung: Die Technische Universität (TU) Braunschweig führt auf dem 71.000 m² großen Gründach ein Langzeit-Forschungsprojekt zur CO2-Bindung unter unterschiedlichen Witterungsbedingungen durch. Dazu wird der Wärme-, Wasserdampf- und Kohlenstoffdioxidaustausch über verschiedene Jahreszeiten hinweg untersucht und zahlreiche Daten wie die Luftfeuchte, die Feuchtigkeit der Substratschicht oder die Windrichtung erfasst. Die andauernden Messungen ergaben schon früh, dass das Dach CO2 bindet. Mittlerweile steht fest, dass das extensive Gründach ein „Nettosenker“ ist – es nimmt über Photosynthese mehr CO2auf, als es veratmet.
Kombination aus Gründach und PV-Anlage
Apropos CO2: hier kommt auch die Photovoltaikanlage wieder ins Spiel. Denn grundsätzlich lässt sich ein bepflanztes Dach um Solarmodule ergänzen. Allerdings bedarf es mitunter einer behördlichen Genehmigung, z.B. wenn das Gründach als Biodiversitätsfläche ausgewiesen ist. Durch eine Kombination von Gründach und Photovoltaikanlage können ökologische und energetische Vorteile miteinander verknüpft werden: Während die Photovoltaikanlage erneuerbaren Strom erzeugt, verbessert die Dachbegrünung das Mikroklima, bindet Feinstaub, speichert Regenwasser und fördert die Biodiversität. Die Vegetation kühlt die Umgebung der Module, was deren Wirkungsgrad erhöhen kann, während die Module das Gründach teilweise beschatten und so vor Austrocknung schützen. Letztendlich kann sich die Erfüllung oder sogar das Übertreffen baurechtlicher Anforderungen für Projektentwickler, Investoren, Mieter und die jeweilige Region gleichermaßen lohnen.
Über die Autorin
Natalie Weber ist Prokuristin und Leiterin des Fonds Managements bei LIP Invest. Neben der Eigenkapitalakquise sowie der Anlegerkommunikation verantwortet sie die ESG- und Research-Aktivitäten des Münchner Logistikimmobilien-Spezialisten. Zudem ist sie Dozentin an der IREBS Immobilienakademie.