Die Elektrifizierung von Nutzfahrzeugflotten wird oft als politisch getrieben beschrieben. Wo sehen Sie die tatsächlich entscheidenden Treiber für Unternehmen?
Maik Haunhorst: An erster Stelle stehen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit. Entscheidend ist, ob sich die Flottenumstellung über die Gesamtkosten rechnet und zugleich hilft, CO2-Ziele zu erreichen. Hinzu kommen Markt- und Kundenerwartungen. Erste Städte verlangen bereits CO2-neutrale Transporte in der urbanen Belieferung, und auch in Ausschreibungen zwischen Kunden und Lieferanten gewinnt das Thema CO2-Neutralität spürbar an Bedeutung. Ein weiterer zentraler Treiber sind Standort- und Energiestrategien. Dabei geht es darum, Logistikimmobilien und Energieinfrastruktur so aufeinander abzustimmen, dass sie den Anforderungen einer elektrifizierten Flotte tatsächlich gerecht werden. Ebenso wichtig sind Risikominimierung und Resilienz. Unternehmen, die früh eine aktive Energiestrategie für ihre Standorte entwickeln, stellen sich strategisch robuster und zukunftssicherer auf. Die Politik setzt dabei zwar den Rahmen, der eigentliche Business Case entsteht jedoch im Unternehmen selbst. Genau dort liegen auch die größten Hebel, um Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit wirksam miteinander zu verbinden und daraus einen echten Wettbewerbsvorteil zu entwickeln. In unseren Projekten begleiten wir Kunden dabei, am Standort ganzheitlich und intelligent vernetzte Energielösungen umzusetzen. Ziel ist es, die Flottenelektrifizierung so zu gestalten, dass langfristig der günstigste Strompreis erzielt wird.
Viele Logistiker schrecken noch vor den Anfangsinvestitionen zurück. Ab welchem Punkt kippt die Rechnung Ihrer Erfahrung nach zugunsten der Elektromobilität?
Aus unseren Projektumsetzungen sowie aus den Praxisdiskussionen mit Unternehmen zeigt sich ein recht klares Bild: Die Wirtschaftlichkeit kippt nicht „irgendwann“ zugunsten der Elektromobilität, sondern unter ganz konkreten Bedingungen. Entscheidende Elemente sind dabei vor allem planbare Einsatzprofile der Nutzfahrzeuge, also klar definierte Touren, passende Reichweiten und die Möglichkeit, im Depot zu laden. Hinzu kommen die jährliche Laufleistung und die tatsächliche Auslastung der Fahrzeuge. Ein weiterer zentraler Faktor sind niedrige und möglichst kontrollierbare Stromkosten, idealerweise in Verbindung mit selbst erzeugtem Strom am Standort. Auch die Mautbefreiung und andere Fördermöglichkeiten können wirtschaftlich entlasten, sie sind aber aus unserer Sicht vor allem in der Startphase relevant. Der entscheidende Punkt ist, dass ein Projekt auch ohne Förderung tragfähig sein muss.
In vielen Unternehmen verschiebt sich die Bewertung deshalb weg von einer rein tabellarischen Excel-Betrachtung hin zu einer strategischen Gesamtsicht. Marktvorreiter gehen bewusst in Pilot- und Testphasen, um früh Praxiserfahrungen aufzubauen und daraus belastbare Erkenntnisse für die Skalierung abzuleiten. Der Wendepunkt kommt spätestens dann, wenn Unternehmen erkennen, dass Ausschreibungen ohne E-Transpot nicht mehr gewonnen werden, dass der Dieselbetrieb teurer und zugleich riskanter kalkuliert werden muss und dass Energie und Logistik nicht länger getrennt voneinander gedacht werden können. Genau hier setzen unsere Lösungen an. Wir unterstützen Kunden dabei, das Thema Energie ganzheitlich neu aufzusetzen und schaffen damit eine wesentliche Voraussetzung für die langfristige Absicherung ihrer Unternehmensstrategie.
Mit der Ausweitung des Emissionshandels werden die Kosten für fossile Kraftstoffe weiter steigen. Wird die Elektrifizierung damit unausweichlich oder gibt es realistische Alternativen?
Kurz gesagt: Ja, die Elektrifizierung wird für große Teile der Nutzfahrzeugflotten faktisch unausweichlich, ist allerdings nicht die einzig denkbare Lösung. Alternativen wird es weiterhin geben, jedoch nur in klar begrenzten Segmenten und meist teurer oder komplexer als heute oft angenommen. Ein Beispiel für eine aktuell verfügbare Alternative sind HVO- und andere Biokraftstoffe. Sie lassen sich in bestehenden Nutzfahrzeugflotten kurzfristig einsetzen und können zur CO2-Reduktion beitragen. Gleichzeitig ist ihre Verfügbarkeit begrenzt und die Kosten sind in der Regel höher. Deshalb sehen wir sie eher als Brückenlösung oder als taktisches Instrument für eine Übergangsphase. Der entscheidende Punkt liegt bei der Energieeffizienz. In einer Welt mit knapper, CO2 bepreister Energie gewinnt immer der effizienteste Umwandlungspfad, und genau hier punktet die Elektrifizierung.
Aus unseren Diskussionen im Markt nehmen wir mit, dass nicht die Technologie unausweichlich ist, sondern die Notwendigkeit für Logistikunternehmen, ihre Energieträger künftig aktiv zu managen. Dadurch wird Energie selbst zu einem zentralen Bestandteil der Wertschöpfungskette. Der Logistikstandort, die Netzsituation, die PV-Anlage, der Batteriespeicher, die Ladeinfrastruktur, das Gebäude und die Fahrzeuge müssen künftig integriert gedacht und gesteuert werden. Die Elektrifizierung ist dafür aus unserer Sicht das einfachste und zugleich effektivste Einstiegssystem.
Die Elektrifizierung der Flotte erhöht den Strombedarf an Logistikstandorten erheblich. Warum reicht es aus Ihrer Sicht nicht, einfach zusätzliche Netzkapazitäten zu schaffen?
Am Logistikstandort ist weniger die Strommenge als die Spitzenlast entscheidend. Der wesentliche Unterschied zwischen „klassischem“ Strombedarf und der Ladeinfrastruktur für E-Flotten liegt in der hohen Leistungsdichte. Ohne intelligentes System steigt die gleichzeitig abgerufene Leistung sprunghaft an. Genau auf solche Lastspitzen sind Netze historisch nicht ausgelegt. Auch ein größerer Netzanschluss löst das Problem der Gleichzeitigkeit nicht. E-Flotten laden nicht gleichmäßig, sie laden gleichzeitig und das Netz liefert Strom, steuert aber keinen Ladevorgang.
Unsere Erfahrung zeigt deshalb klar: Elektrifizierung zwingt zum Systemdenken. Zukunftssichere Standorte kombinieren eine passende Netzanbindung mit intelligent vernetzten Energielösungen, bestehend aus lokaler Erzeugung beispielsweise durch PV, Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur, Lastmanagement sowie der Einbindung von Strombörse, Wetterdaten und Tourenplanung. Erfolgreich ist, wer Standort, Energie und Flotte als ein Projekt denkt und umsetzt.
Sie sprechen davon, dass sich Strompreise mit intelligenten Energiesystemen deutlich senken lassen. Wo liegen konkret die größten Hebel – im Stromeinkauf, in der Eigenerzeugung oder in der Steuerung?
Ja, mit dem richtigen Zusammenspiel von Erzeugung, Einkauf und intelligenter Steuerung lässt sich der Strompreis am Standort deutlich senken. Der größte Hebel liegt dabei aus unserer Sicht in der intelligent vernetzten Steuerung. Sie entscheidet darüber, Energie zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und zu den bestmöglichen wirtschaftlichen Bedingungen bereitzustellen.
Anders gesagt: Der Einkauf bestimmt, was Strom grundsätzlich kostet. Die Eigenerzeugung entscheidet darüber, wie viel Energie überhaupt extern beschafft werden muss. Die Steuerung wiederum bestimmt, wann, zu welchem Preis und wie effizient Strom tatsächlich genutzt wird. Die größten Effekte entstehen deshalb nicht durch einen einzelnen Baustein, sondern im Zusammenspiel aller Elemente.
Genau dort setzen wir in unseren Projekten an. Wir planen, bauen und betreiben ganzheitliche Energielösungen für Industrie- und Logistikstandorte und managen inzwischen als Energieversorger die gesamte Energiekette unserer Kunden. Damit können wir Erzeugung, Beschaffung und Nutzung integriert optimieren. Unsere KI-basierte Software Greencore AI steuert und regelt die Systemkomponenten dabei vollautomatisiert mit dem Ziel, für unsere Kunden den günstigsten Strompreis zu realisieren.
Sie beschreiben die Logistikimmobilie als „Energiehub“. Was verändert sich dadurch konkret in der Planung und im Betrieb solcher Standorte?
Die Logistikimmobilie als Energiehub zu verstehen, verändert die Perspektive grundlegend. Der Standort ist nicht mehr nur Energieverbraucher, sondern ein aktives Energiesystem. Erzeugung, Speicherung, Verbrauch und Steuerung müssen von Anfang an zusammen gedacht werden. Konkret heißt das: E-LKW, Ladeinfrastruktur, PV, Speicher, Trafo, Netzanschluss und Steuerung werden nicht mehr einzeln geplant, sondern als Gesamtsystem dimensioniert. Der Standort wird so ausgelegt, dass er mit der Flottenelektrifizierung mitwachsen kann und langfristig zukunftssicher bleibt. Gleichzeitig wird die Ladeinfrastruktur Teil der Betriebslogik, etwa mit Blick auf Touren, Schichtmodelle und Rückkehrzeiten der Fahrzeuge, sowie Teil der Energiestrategie, also der Frage, wann zu welchen Kosten geladen wird. Damit wird Energie vom Nebenthema zum strategischen Asset.
In unseren Projekten begleiten wir den Kunden auf dem gesamten Weg: Von der Erstellung eines Energiekonzeptes für den Standort, über Bau und Umsetzung der erarbeiteten Lösung bis zu Betrieb, Service und optimierter Reststromversorgung.
In vielen Unternehmen steigen die Energiekosten schneller als sie weitergegeben werden können. Welche Rolle spielt Energiemanagement künftig für die Wettbewerbsfähigkeit von Logistikern?
Energiemanagement wird für Logistiker künftig zu einem strukturrelevanten Wettbewerbsfaktor. Denn Energie ist längst nicht mehr nur ein durchlaufender Kostenblock, sondern entwickelt sich zu einem aktiven Wertschöpfungs- und Steuerungsfaktor. Gerade weil steigende Energiekosten oft nicht in gleichem Maß über Frachtraten weitergegeben werden können, entscheidet der Umgang mit Energie zunehmend über Marge, Skalierbarkeit und strategische Handlungsfreiheit.
Aus unserer Sicht ist deshalb nicht eine einzelne Technologie unausweichlich, sondern die Notwendigkeit, Energie aktiv zu managen. Energie wird zu einem relevanten Teil der Wertschöpfungskette. Das zeigt sich besonders bei der Flottenelektrifizierung: Erste Pilotprojekte lassen sich häufig noch ohne umfassendes Energiemanagement umsetzen. Sobald E-Flotten jedoch skaliert und Depotladelösungen integriert werden sollen, wird ein intelligentes, vernetztes Energiemanagement zur Voraussetzung.
Wer Energie intelligent steuert, kann daraus einen echten Wettbewerbsvorteil machen. Unsere Kunden erleben genau diesen Wandel: Energie wird vom Unsicherheitsfaktor zum Hebel für mehr Effizienz, Resilienz und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.
Greenflash tritt nicht nur als Systemanbieter, sondern auch als Energieversorger auf. Welche Vorteile bietet dieses Modell Ihren Kunden aus der Logistikbranche?
Als Energieversorger können wir das Energiesystem unserer Kunden auch im laufenden Betrieb wirtschaftlich optimieren und so dauerhabt den günstigsten Strom bereitstellen. Dafür steuern wir die Reststromversorgung aktiv, nutzen Spotmarktchancen gezielt und managen den Energiebedarf standortbezogen als Gesamtsystem. Strom wird also nicht isoliert eingekauft, sondern in Verbindung mit Erzeugung, Speicherung, Ladeinfrastruktur und Verbrauch optimiert. Ein wesentlicher Vorteil ist dabei, dass wir den Energiebedarf hinter dem Netzverknüpfungspunkt ganzheitlich steuern können und damit Technik und Strommarkt eng verzahnen. Daraus resultieren dauerhaft niedrigere und planbare Energiekosten, verbunden mit geringeren Abhängigkeiten von Marktvolatilitäten.
Welche Rolle spielen dabei Ladeinfrastruktur-Netzwerke aktuell?
Ladeinfrastruktur-Netzwerke spielen aktuell eine wichtige Rolle, um den Hochlauf der Flottenelektrifizierung schneller und pragmatischer voranzubringen. Im Kern geht es um regionale Kooperationen: Unternehmen öffnen ihre Ladeinfrastruktur für Partner, damit diese E-Flotten nutzen können, ohne sofort selbst hohe Investitionen stemmen zu müssen. Das schafft Vorteile auf beiden Seiten. Betreiber erhöhen die Auslastung ihrer Infrastruktur und erschließen zusätzliche Erlöse, etwa über Fremdnutzung und THG-Quoten. Partnerunternehmen gewinnen schneller einen praktikablen Einstieg in die Elektromobilität. Genau das macht solche Netzwerke zu einem relevanten Enabler für den Markthochlauf.
Man sollte die Komplexität dabei aber nicht unterschätzen. Wer Ladeinfrastruktur für Dritte öffnet, muss Abrechnung, Zugangsregelungen und die Integration in das eigene Energiesystem sauber lösen. Entscheidend ist, dass auch Fremdladevorgänge intelligent in die Gesamtenergiestrategie des Standorts eingebunden werden. Greenflash unterstützt Kunden dabei, solche Modelle technisch und wirtschaftlich tragfähig aufzubauen.
Wenn Sie auf die nächsten fünf Jahre blicken: Welche Logistik-Unternehmen werden sich im Wettbewerb durchsetzen?
In den nächsten fünf Jahren werden sich vor allem die Logistikunternehmen durchsetzen, die Energie als strategischen Faktor sehen und schon heute in ganzheitliche Konzepte investieren. Entscheidend wird sein, Standorte, Depotladen, Flotte und Energiemanagement integriert zu denken und als Gesamtsystem zu steuern. Nur so lassen sich Kostenfallen vermeiden und die Elektrifizierung wirtschaftlich skalieren.
Zur Person
Maik Haunhorst verantwortet bei Greenflash die Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Energiesysteme für Industrie- und Logistikunternehmen. Sein Fokus liegt auf der Dekarbonisierung und Elektrifizierung von Logistikstandorten durch die Integration von Photovoltaik, Batteriespeichern, Ladeinfrastruktur und Energiemanagement. Der erfahrene Vertriebsexperte begleitet Unternehmen bei der Transformation zu energieeffizienten, emissionsärmeren Hubs, insbesondere im Kontext der Elektrifizierung von Nutzfahrzeugflotten (E-LKW). Ziel der entwickelten Energielösungen ist es, den günstigsten Strompreis am Standort zu generieren.