Das DVZ-Moderatorenteam, bestehend aus Amelie Bauer (rechts) und Frederic Witt, sprach mit Rebecca Tauer (WWF Deutschland), Anna Preut (Fraunhofer IML), Gabriele Maurer (Jungheinrich) sowie Alexandra Kroll und Ursula Paepcke (dm) über die Rolle der Logistik in der Kreislaufwirtschaft.

Bild: Dierk Kruse

Nachhaltigkeit neu denken

15.05.2026

Beim 6. DVZ Sustainability Day wurde eines deutlich: Die Logistik ist nicht nur ein Rädchen im Getriebe der grünen Transformation, sondern ihr entscheidender Hebel.

Kreislaufwirtschaft gilt in der Logistik längst nicht mehr nur als „grünes“ Zusatzthema, sondern als entscheidender Faktor für Resilienz, Kosten und Versorgungssicherheit. Wiederverwendung, Rückführung und Aufbereitung gelingen allerdings nur, wenn Transport- und Rücknahmesysteme konsequent mitgedacht und skaliert werden. Das machte der 6. Sustainability Day deutlich, den die DVZ im April in Hamburg organisierte. Tim Janßen, Mitgründer und geschäftsführender Vorstand der Cradle to Cradle NGO, stellt das gewohnte Nachhaltigkeitsdenken grundsätzlich infrage. Seine Kernthese: Es reicht nicht, nur „weniger schlecht“ zu sein.

Das sogenannte Cradle-to-Cradle-Prinzip, entwickelt vom Hamburger Wissenschaftler Prof. Dr. Michael Braungart, dreht die Logik linearen Wirtschaftens um. Statt Rohstoffe zu verbrauchen und Müll zu erzeugen, sollen Materialien dauerhaft in biologischen oder technischen Kreisläufen bleiben. Produkte werden von Anfang an so gestaltet, dass ihre Bestandteile nach der Nutzung vollständig zurückgeführt werden können. „Jedes Kohlenstoffmolekül, das ich in der Kreislaufwirtschaft halte, geht nicht als CO2 in die Atmosphäre“, erklärt Janßen.
Für die Logistikbranche sieht er eine Schlüsselrolle: „Was hilft es uns, wenn wir Produkte haben, die keinen Abfall mehr erzeugen, die wir aber am Ende nicht zurückbekommen?“ Rückwärtslogistik werde zum entscheidenden Wachstumsfeld. Bislang fehle in Lieferketten oft das Wissen, welche Materialien wo stecken. Digitalisierung und Materialpässe seien daher ebenso wichtig wie Geschäftsmodelle, die auf Nutzung statt Eigentum setzen.

Den Vorwurf der Utopie weist Janßen zurück: Über 500 Unternehmen und mehr als 70.000 Produkte sind bereits zertifiziert. Sein Appell: „Wir verlieren Werte, obwohl wir sie behalten können. Und da, wo wir sie behalten, können wir die Rendite erhöhen.“

Kreislauf braucht Logistik

Eine klare These formuliert auch Rebecca Tauer, Teamleiterin Circular Economy beim WWF Deutschland: „Kreislaufwirtschaft ist kein Umweltprojekt, sondern ein Logistikthema.“ Die Expertin, die unter anderem auch im Nachhaltigkeitsbeirat der Volkswagen-Gruppe sitzt, macht deutlich, dass das heutige Wirtschaftssystem auf linearen Durchfluss optimiert sei. Das Problem: 50 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen und 90 Prozent des Biodiversitätsverlusts entstehen laut Tauer bereits im Rohstoffabbau und in der Verarbeitung. Ihr zentraler Appell: Mehrwegsysteme als wirksamster Hebel der Kreislaufwirtschaft müssten endlich skaliert werden. „Das Entscheidende ist nicht, ob Mehrweg für eine Verpackung funktioniert, sondern ob das System dahinter funktioniert“, so Tauer. Dafür brauche es drei Bausteine: flächendeckende Rückführlogistik, branchenübergreifende Kooperationen statt Insellösungen sowie einheitliche Standards und Datentransparenz.

Anna Preut vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund ergänzt die wissenschaftliche Perspektive: Die Logistik sei zugleich Enabler und Herausforderung der Circular Economy, erklärt sie. Mit dem Projekt „Collects“ arbeitet das IML daran, die Kreislaufführung von Textilien durch verbesserte Sammelcontainer und digitale Produktpässe zu optimieren. „Am besten funktionieren zirkuläre Wertschöpfungsketten, wenn von Anfang an alle Lebenszyklusphasen zirkulär gedacht werden“, betont Preut.

Gabriele Maurer, Vice President Sustainability bei Jungheinrich, vertritt die Perspektive der Intralogistik. Das Unternehmen setzt auf langlebiges Produktdesign und Remanufacturing: Gebrauchte Gabelstapler werden komplett zerlegt und neu aufgebaut. „Wir sparen damit ungefähr 80 Prozent unseres CO2 ein und erreichen eine Wiederverwendungsquote von rund 99 Prozent“, erläutert Maurer. Nachhaltigkeit werde im Ausschreibungsprozess zwar zunehmend abgefragt, „aber die wirkliche Auswahl wird immer noch anhand anderer Kriterien getroffen“. Allerdings gewinne das Thema Kreislaufwirtschaft durch seinen Einfluss auf Resilienz und Rohstoffsicherheit spürbar an Gewicht. Die Regulatorik in Europa habe Fortschritte gemacht, doch der entscheidende Hemmschuh bleibt die Ökonomie, waren sich die Teilnehmer einig.

Von der Strategie zur Umsetzung

Şükran Gencay und Daniel Hülemeyer teilen sich beim Logistikdienstleister Hellmann die Nachhaltigkeitsleitung als Doppelspitze: Während Gencay das Thema soziale Nachhaltigkeit verantwortet, ist Hülemeyer Ansprechpartner für die ökologischen Themen. Die Aufteilung, da sind sich beide einig, schaffe Tiefgang – und mache sie zu klaren Anwälten ihrer Bereiche. „Ich hake dann auch mal nach und kümmere mich darum, dass ein Thema wie Inklusion in einem Meeting nicht hintangestellt wird“, sagt Gencay.

Prof. Dr. Moritz Petersen von der Kühne Logistics University ergänzt die Perspektive mit einer kritischen Bestandsaufnahme: Nachhaltigkeit sei bei vielen Unternehmen noch immer „eine Sideshow zum Kerngeschäft“ – getrennt von der Unternehmensstrategie. Hülemeyer pflichtet ihm bei: „Es braucht meistens einen ökonomischen Case, um das Thema anzustoßen. Momentan sind das wohl die Kraftstoffpreise.“

Gencay betont, wie wichtig es sei, alle Stakeholder einzubinden und Mitarbeitenden echte Mitgestaltung zu ermöglichen. Themen wie Inklusion und Parität würden dabei oft übersehen, obwohl sie zur Nachhaltigkeit gehören. Sie landen jedoch zu häufig in der „HR-Ecke“, statt strategisch verankert zu werden. Petersen verweist auf einen weiteren blinden Fleck: Scope-3-Emissionen. „Über die Arbeitsbedingungen von Lkw-Fahrern zu reden, ist für viele noch immer unangenehm. Die Realität wird oft ignoriert“, beobachtet er.

Mit Blick auf die Frage, was die nachhaltige Transformation am stärksten bremst, plädiert Petersen für einen Perspektivwechsel: Die öffentliche Debatte fokussiere sich zu stark auf Defizite, dabei seien längst zahlreiche transformative Technologien verfügbar. Gencay verweist auf das Ohnmachtsgefühl vieler Menschen angesichts globaler Probleme. Helfen könne es, Menschen in eine Position zu bringen, in der sie konkret Wirkung erzielen können – auch durch kleine Veränderungen.

Kosten, Kunden, Klimaziele

Dass Kostendruck, Kundenanforderungen und Klimaziele in einem ständigen Wettbewerb stehen, beobachten Sandra Achternbusch (Fiege Logistik), Bernhard Haidacher (Lkw Walter) und Lucas Schümann (Otto Group). Das Klimaziel muss intern aktiv verteidigt werden, stimmten sie überein.

Schümann, der sich selbst als internen Lobbyisten bezeichnet, bringt es auf den Punkt: „Gerade in Zeiten, in denen Kosten eine führende Rolle spielen, darf das Thema nicht untergehen.“ Achternbusch beschreibt ein bekanntes Muster: Kunden fordern in Ausschreibungen ellenlange Nachhaltigkeitskataloge, um dann beim Pitch zu erklären, dass dafür keine Zeit sei. Haidachers Antwort darauf ist eine strategische: Man solle Nachhaltigkeit nicht als Kostenfaktor begreifen, sondern als „Sprungbrett für zukünftige Geschäftsmodelle und die eigene Existenzsicherung“.
Kontrovers wird die Rolle der Regulatorik gesehen. Achternbusch bekennt sich als deren ausdrückliche Befürworterin, da sie ihrer Meinung nach Fairness schaffe und verhindere, dass Unternehmen aufeinander zeigen und sagen: „Die anderen machen es doch auch nicht.“

Gleichzeitig zeigt sie sich frustriert über das Hin und Her rund um die CSRD. Die kurzfristige Verschiebung habe bei vielen den falschen Eindruck hinterlassen, dass Nachhaltigkeit nicht mehr dringend sei. Das, so Achternbusch, „wirft uns um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück“.

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