Im Interview sprechen Alan C. McKinnon, emeritierter Professor für Logistik an der Kühne Logistics University, Dr. Martin Bethke, Affiliate Faculty in Executive Education an der KLU und Strategie- und Managementberater und Tim-Oliver Frische, ZERO-Chefredakteur. Sie verfügen über langjährige Erfahrung in den Bereichen Logistik, Lieferkettenmanagement und der praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien.
Mit welchem Mindset wird Nachhaltigkeit zu einem wirtschaftlichen Erfolgsfaktor?
Martin Bethke: Viele Logistik- und Supply-Chain-Manager:innen erleben Nachhaltigkeit aktuell als Problem bzw. als regulatorischen Druck. Nachhaltigkeit wird dann zum Erfolgsfaktor, wenn sie nicht als „Zusatzkosten“, sondern als Hebel für Produktivität, Risiko- und Kostenmanagement verstanden wird. Das Erfolgs-Mindset muss daher sein: CO₂ = Kosten & Engpass, Transparenz = Steuerbarkeit, Regulierung = Taktgeber für bessere Entscheidungen. Wer Emissionen, Energie und Prozesse wie einen Gewinn und einen Verlust behandelt, findet Quick Wins, baut Resilienz und fördert zukünftige Profitabilität.
Alan C. McKinnon: Nachhaltigkeit darf nicht als kurzfristige Ergänzung betrachtet werden, sondern als wesentlicher Faktor für das langfristige Überleben und den Erfolg eines Unternehmens. Viele Initiativen sind aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, da sie direkt Kosten senken oder Einnahmen generieren. Andere sind wirtschaftlich gerechtfertigt durch die Notwendigkeit, sich auf den Klimawandel vorzubereiten, die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten zu stärken und die wachsenden sozialen Auswirkungen von Technologie und KI zu bewältigen.
Tim-Oliver Frische: Nachhaltigkeit wird zum wirtschaftlichen Erfolgsfaktor, wenn Unternehmen sie nicht nur intern managen, sondern sichtbar in ihre gesamte Geschäftsstrategie integrieren. Kundinnen und Kunden erwarten nachvollziehbare Informationen, transparente Daten und glaubwürdige Maßnahmen. Unternehmen, die Nachhaltigkeit offen kommunizieren und konsequent in Prozessen, Produkten und Partnerschaften verankern, stärken ihre Kundenbeziehungen und schaffen sich einen klaren strategischen Vorteil.
KLU und ZERO Educate von DVV Media bündeln ihr Wissen für eine Nachhaltigkeitsweiterbildung. Wer sollte an diesem Programm teilnehmen?
Martin Bethke: Das Programm ist für Entscheider:innen und Umsetzer:innen gedacht: Ob Transport, Lager, Netzwerkplanung, Procurement, Sales/Key Account oder Finance - für alle Bereiche ist es relevant.
Alan C. McKinnon: Wir richten uns an Führungskräfte, die Verantwortung für die Entwicklung und Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien in ihren Unternehmen tragen oder demnächst übernehmen.
Tim-Oliver Frische: Besonders Führungskräfte aus mittelständischen Unternehmen profitieren von diesem Programm, weil sie Nachhaltigkeit häufig ohne eigene Spezialteams umsetzen müssen. Sie erhalten praxisnahe Werkzeuge und klare Orientierung, um neue Anforderungen unmittelbar im Tagesgeschäft zu bewältigen.
Und was machen die Teilnehmenden nach nur wenigen Tagen intensiver Fortbildung anders?
Martin Bethke: Sie werden wahrscheinlich weniger Energie in Diskussionen über „Pflichten“ stecken und mehr entschieden: Wo liegen die größten Emissions- und Kostenhebel? Welche Daten fehlen? Welche Maßnahmen starten wir in 90 Tagen? Und wie messen wir Fortschritt – auditfest und kundentauglich.
Alan C. McKinnon: Teilnehmende können sofort als Nachhaltigkeitsbotschafter:innen innerhalb ihres Unternehmens wirken. Dazu gehört u.a., Informationen über Trends und Ansätze an ihre Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben und zu vermitteln, wie wichtig es ist, Nachhaltigkeitsherausforderungen ernst zu nehmen.
Tim-Oliver Frische: Teilnehmende gewinnen vor allem Sicherheit darin, welche Informationen Kundinnen und Kunden erwarten und wie sich Fortschritte transparent und glaubwürdig darstellen lassen. Dadurch können sie Nachhaltigkeit schon nach wenigen Tagen deutlich souveräner vertreten und die Zusammenarbeit im Unternehmen spürbar stärken.
Was sind typische Fehlentscheidungen in der Praxis, die besprochen werden?
Martin Bethke: Typisch falsch gedacht: Transport- oder Lieferantenauswahl nur nach Frachtpreis. Wer CO₂, Servicequalität, Risiko (Störungen, Energiepreise), Vertragsanforderungen und zukünftige CO₂-Kosten ausblendet, optimiert lokal – und zahlt später doppelt. In der Weiterbildung wird gezeigt, wie man Total Cost + Carbon kalkuliert und Entscheidungen robust macht.
Alan C. McKinnon: Die Anwendung von Nachhaltigkeitsprinzipien wird durch einige Managementpraktiken eingeschränkt. Viele Organisationen konzentrieren sich nach wie vor zu sehr auf die kurzfristigen Kosten von Nachhaltigkeitsinitiativen und unterschätzen den langfristigen Nutzen. Nachhaltigkeitsstrategien entstehen oft reaktiv durch Vorschriften, anstatt sie proaktiv auf der Grundlage von Wettbewerbsvorteilen zu gestalten. Darüber hinaus haben Nachhaltigkeitskriterien bei der Beschaffung in der Tendenz zu wenig Gewicht.
Tim-Oliver Frische: In vielen Unternehmen entstehen Fehlentscheidungen, weil wirtschaftliche, regulatorische und ökologische Faktoren getrennt betrachtet werden und verschiedene Bereiche das Thema Nachhaltigkeit nicht gemeinsam verfolgen. Oft werden bestehende Routinen nicht hinterfragt, weil Veränderungen mit internen Widerständen verbunden sein können. Das Seminar zeigt, wie solche Strukturen zu vermeidbaren Fehlentwicklungen führen und wie integriertes Entscheiden zu deutlich robusteren Ergebnissen beiträgt.
Warum sollten Führungskräfte genau jetzt in Nachhaltigkeitsweiterbildung investieren?
Martin Bethke: Weil sie damit den Business Case der Nachhaltigkeit gegenüber dem Management vertreten können: Anforderungen steigen, Kunden fragen nach belastbaren Daten, und CO₂-Kosten wandern in Ausschreibungen und Margen. Wer jetzt Kompetenzen aufbaut, entscheidet schneller, vermeidet teure Fehlprojekte und gewinnt Aufträge. Weiterbildung ist damit kein Nice-to-have, sondern ein Produktivitäts- und Wettbewerbsinvestment für 2026 und darüber hinaus - sowohl persönlich, als auch für das Unternehmen.
Alan C. McKinnon: Weil es eine gesunde Rendite verspricht. Zwar verfügen viele Entscheider:innen mittlerweile über Grundkenntnisse im Bereich Nachhaltigkeit und einige Erfahrung in der Umsetzung nachhaltigkeitsrelevanter Maßnahmen. Doch dieser Bereich entwickelt sich rasant. Nachhaltigkeit ist außerdem ein sehr fruchtbares Gebiet für akademische Forschung, Studien und Beratung. Programme wie dieses fassen dieses wachsende Wissen zusammen und zeigen, wie Unternehmen es in der Praxis anwenden können. Schulungsprogramme bringen auch Manager mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen im Bereich Nachhaltigkeit zusammen und erleichtern so den Austausch guter Ideen und Praktiken. Die Teilnahme an solchen Programmen ist daher sowohl für den einzelnen Manager als auch für das Unternehmen eine gute Investition.
Tim-Oliver Frische: Eine Weiterbildung lohnt sich jetzt besonders, weil Führungskräfte hier nicht nur fachliches Wissen vertiefen, sondern auf Kolleginnen und Kollegen treffen, die vor ähnlichen strategischen und operativen Herausforderungen stehen. Dieser Austausch schafft Orientierung und eröffnet neue Perspektiven. Vor allem mittelständische Unternehmen profitieren davon, da sie im Wettbewerb mit größeren Marktakteuren zusätzliche Impulse und Netzwerke erhalten. Das Programm unterstützt sie dabei, Entscheidungen zielgerichteter zu treffen und Nachhaltigkeit langfristig im Unternehmen zu verankern.